Mensch und Kultur

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Das Bonsai-Prinzip

Suiseki nennen die Botaniker das Prinzip von Bonsai basierend auf den Erkenntnissen, dass Bäume nur dann im Ganzen gesehen werden, wenn wir weit genug weg sind. Die Perspektive macht es überschaubar. Ein Bonsai bringt uns beides. Die ferne Illusion und nahe Realität eines Baumes.

Im Ishitsuki-Stil geht es darum, dass durch die andere Perspektive ein kleiner Stein zu einem Fels wird. Bonsai 盆 栽 , ist die Version einer japanischen Gartenkunst. Hierbei werden Bäume in kleinen Schalen zwecks Wachstumsbegrenzung gehalten sowie ästhetisch geformt. Der Ursprung dieser Kunst entwickelte sich jedoch wahrscheinlich in China, in welchem Land diese heute noch Penjing genannt wird. Es gibt auch ähnliche Traditionen in Vietnam. Hier werden Miniatur-Wohnlandschaften Hòn Non Bộ genannt und haben ähnliche Absichten der Kunst. Im Westen wurden diese Traditionen bei den dort vorkommenden Baum und Pflanzenarten fortgeführt. (Olivenbäume in Italien und Spanien, Ponderosa-Kiefern in den USA). Menschen halten Pflanzen in Töpfen künstlich klein. Sie bekommen extra kleine Töpfe.

Man beschneidet die Wurzeln und die Äste dieser Bäume, und hält sie so über Jahrzehnte klein. Ein 30 Jahre alter Kiefernbaum hat so etwa eine Höhe von gerade einmal 30 cm. Vielen ist diese Kunst nicht bekannt und auch nicht dessen Sinn und fernöstliche Philosophie, gefüllt mit einer Unmenge an rhetorischen Zitaten, seien es Metaphern, Personifikationen oder Hyperbeln (rhetorische Übertreibungen). Kaum einer fragt nach eben dieser Philosohie oder dem Sinn. Ich werde Ihnen diese Sinnfragen anhand zweier Beispiele erklären. Beispiel 1: Wenn Sie nun wissen, wie ein Baum künstlich klein gehalten wird, und zwar von Menschenhand, und wenn Sie verstanden haben, dass es ein echter, lebender, ganz normaler Baum (sei es eine Kiefer, eine Olive oder eine Buche) ist, welche Jahrzehnte in einem Topf klein und ästhetisch, aber immer lebendig gehalten wird, dann verstehen Sie vielleicht auch das verhalten vieler Menschen. Würde man diesen kleinen Baum dann mit den Erbanlagen eines ganz normalen Baumes nicht manipulieren, und würde man ihn auch nach 50 Jahren freier Wachstumsfreiheit wieder aufsuchen, so würde man unter metaphorischer Berücksichtigung des Bonsai/MenschVergleiches erkennen, wozu Freiheit und Unterstützung führen kann. Wenn Sie einen Bonsai also in der freien Natur unbedrängt wachsen lassen, und wenn er seine Wurzeln entfalten kann, ohne dass der Mensch sie abschneidet, dann wird er riesengroß werden. Sie würden auch nach langen Jahren des Unterdrückens wieder wachsen, 20-30 Meter oder größer.

Sie wären stark und natürlich. Dieses Bonsai Prinzip verwenden, wie bereits erwähnt, auch Menschen bei Menschen. Man hält sie klein, schneidet ihnen die Wege und die Möglichkeiten ab; erschafft künstlich gesetzte Regeln, Gepflogenheiten, kulturelle Prinzipien, Religionen, Moral und Angst. Wenn Sie einen Einblick in diese Manipulationstechniken bekommen und lernen, wie diese Maschinerie funktioniert, können Sie verhindern, klein gehalten zu werden wie ein wehrloser „dummer“ kleiner Bonsai. Ein Bonsai ist eine lebende Pflanze, welche nur eine begrenzte Manipulation des natürlichen Materials zulässt. Hierbei werden die Grenzen bei der Gestaltung der Bäume immer wieder weiter erprobt und getestet. Wird diese Grenze überschritten, stirbt die Pflanze. Diese materielle Grenze ist auch in anderen Künsten zu erkennen. So kann der Steinmetz aufgrund der Materialstärke, Elastizität und Stabilität nur begrenzt gestalten.

Die physikalischen Eigenschaften eines Materials überzustrapazieren bedeuten, das Werk zu zerstören. Zeitabläufe, Belastbarkeitsgrenzen und Materialeigenschaften werden nicht nur bei Pflanzen und Steinen getestet sowie angewendet. Auch wir Menschen werden geformt. Mit Absicht, Plan, Kunst. Mit perverser Präzision. Lassen sie sich zum Thema Digitalisierung, Führungsstile und Technik von mir gesagt sein, dass die Arbeit an der Grenze zwischen Kultur* und Natur die Vergrößerung der autonomen Sphäre anstrebt. Wer dabei der nach Darwins Vorstellungen Angepassteste ist, und/oder der seine Fähigkeiten weitergibt, ist meist der Glücklichste. Kommen wir nun zu zwei Betrachtungsweisen des Bonsai-Prinzipes.

:[Beispiel 2} *Eine Definition des vielfältigen Kulturbegriffs: Kultur ist das, was der Mensch der Natur hinzufügt bzw. wie er von der Natur Gebrauch macht. z.B. Ackerbau, Technologisierung, Rituale, Bräuche, Sprachkultur, Arbeitskultur, etc…. Beispiel 2: Die Geschichte aus dem Film Outsourced handelt von einem Amerikaner in Indien. Der Mann aus den Staaten befand sich mit seinem Fahrrad auf einem Basar in der indischen Provinz. Mit einem lauten Schrei schlug der Mann auf den Boden und kippte mit seinem Fahrrad um, woraufhin er mit einem Fußgänger zusammenstieß. Während der Amerikaner am Boden liegt, sieht er um sich herum einen riesigen Haufen umherfliegender Zeitungen. Sein Blick schweift auf eine Annonce eines Schnellrestaurants mit der Überschrift „Kauf zwei Cheeseburger und iss einen umsonst!“. Der Amerikanische Reisende befindet sich wahrscheinlich schon sehr lange in Indien und hat Sehnsucht nach Hausmannskost, und seinen Unfall hat er durch das zufällige Sichten Kalorien und Fett verheißender Köstlickkeit sofort vergessen. 

Das einzige, an was er nun denken kann, ist eben dieser leckere Cheeseburger. 

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Voller Energie und Euphorie und gepackt vom Fieber, völlig von den Sinnen überwältigt und dem Duft seiner Träume und seines Verlangens gedanklich ergeben (wenn wir jetzt mal in Übertreibung baden), stürmt er auf den nächstbesten Taxifahrer zu. Der Taxifahrer steht angelehnt an seinem Taxi, mit überkreuzen Armen und Beinen an seinem Taxi, und wartet geradezu nur auf den anstehenden Verhandlungen mit dem Tourie (Touristen sind ja eh immer nur die anderen) Der Amerikaner fragt ihn, was eine Fahrt nach Mumbai kosten solle, doch der Taxifahrer lehnt sofort ab mit der Begründung, Mumbai läge zu weit entfernt, das Benzin sei viel zu teuer und der Wagen gehe dann kaputt. Der Inder zeigt dem Amerikaner nun seinen alten klapprigen Wagen, welcher den Anschein macht, als stamme dieser noch aus Gründerzeiten. 

Der Inder sagt, es sei komplett unmöglich, ihn dort hin zu fahren. Der Mann aus Amerika starrt ihn entschlossen an und schweigt. Er sagt nichts, kein Wort. Der indische Fahrer reagiert trotzdem und sagt ihm, 6000 Rupien wären der Preis. Der Amerikaner sagt weder „nein“ noch „ja“, sondern nur, dass es ihm wichtig ist, da hin zu kommen, wo diese verdammten Hamburger feilgeboten werden. Der Inder erwidert, mit dem Gefühl genötigt, weiter zu verhandeln, dass 5000 Rupien nun wirklich der letzte Preis sei, mehr könne er nun wirklich nicht machen. Der Amerikaner sagt nur „Egal!“, und eigentlich will er schon einsteigen, da erwidert der Taxifahrer, dass seine Kinder Hunger erleiden werden, aber er ihn nun für 4000 Rupien nach Mumbai fahren wolle. Nun endlich agiert der Inder erst und öffnet dem Amerikaner die Wagentür. Der indische Taxifahrer im Film Outsourced nimmt aufgrund seiner kulturellen Gepflogenheiten an, immer verhandeln zu müssen. Er geht wie blind davon aus, dass Amerikaner dass ja auch immer wollen. Die Tatsache, dass er hätte locker 6000 Rupien verdienen können, da der Gast ursprünglich gar nicht handeln wollte, bemerkte dieser aus Betriebsblindheit gar nicht erst. 

Menschen mit geringem Durchsetzungsvermögen verhalten sich genauso so wie dieser Taxifahrer. Sie argumentieren und gestikulieren und reden und rechtfertigen sich, wo es nichts zu rechtfertigen usw. gibt. Sie wehren sich ohne Grund und graben sich so selbst ein Loch. Wenn Sie allerdings lernen, dass passive Kommunikation (das verschränken der Arme zum Beispiel im Non-Verbalen) auch zu Rechtfertigungen seiner Forderungen neigt, kann jeder Mensch daraus lernen und sein Verhalten ändern. Zeigen wir von selbst, dass wir unterhalb der Augenhöhe des Gesprächspartners, also heraufblickend, kommunizieren, dann sind wir in einer schlechten Position. Das Bonsai-Prinzip lehrt uns, dass wir klare, präzise Ansagen machen, Unnötiges wegschneiden und Überflüssiges weglassen. Wechseln Sie die Perspektive. Transportieren sie klare einfache Anweisungen (Fahr mich nach Mumbai!). 

So wie der chinesische Gärtner bei einem Bonsai-Baum entfernen Sie Wurzeln und Äste, um am Wachstum zu hindern. In der Kommunikation sind Rechtfertigungen, Erklärungen, Ausschweifungen, schwache Argumente und ängstliches Verhalten überflüssig. Auch Nebenschauplätze lassen Sie weg die sich auf ihr Gegenüber beziehen. Sie machen sich so nur angreifbar und einen kommunikativen Krieg werden Sie so allemal verlieren. Wenn Sie ein schwaches Argument nennen wie z.B., dass Sie mehr Zeit für eine Projektarbeit benötigen, weil Ihr gegenüber ja auch Zeit brauch, um den Entwurf zu prüfen, dann wird ihr Gegner Sie schnell zu Boden drücken, indem er sagt, dass er das viel schneller schafft. 

Aus dieser Taxi-Verhandlung lernen wir, dass Gesprächspausen ein Schlüssel zum Erfolg sind. Atmen Sie durch, bzw. atmen Sie die Angst weg und zeigen Sie Souveränität. Wer stark ist, schweigt in der Verhandlung und wartet ab. Politiker, berühmte Redner, Rhetoriker und erfolgreiche Schauspieler haben eins gemeinsam: Sie können schweigen. Gekonnt im richtigen Moment schweigen. Lassen Sie sich nicht verführen zu antworten. Warten Sie ab. Auch wenn Sie Angst haben, in der Verhandlung zu verlieren, sollten Sie nicht aufgeben. Sagen Sie zur Not, dass Sie darüber nachdenken. Wenn Sie dann in die zweite Runde gehen, lassen Sie Ihren Gegner reden und wirken Sie souverän gefestigt und entschlossen. Pausen zeigen Stärke. Möchten Sie sich durchsetzen, dann lernen Sie, dass Sie keinen Grund haben sich zu rechtfertigen. Machen Sie kompakte und vor allem präzise Ansagen. Lassen Sie vor allem alles weg, was Ihre Position schwach macht. Wenn der Verhandlungspartner ein Verlangen nach Cheesburger hat, sind Sie derjenige, der die Zügel in der Hand hat und Sie werden immer einen finden, der Hunger, Verlangen oder Gelüste nach etwas hat.